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16.9.2003 • Politisches Feature

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"Achtung: Fünnef, zwo, null, null, Trennung..."
Claudia Heissenberg


Minutenlang verliest eine mechanische Frauenstimme monotone Zahlenreihen. Jochen Schäfer ist ganz Ohr. Der 30-Jährige lauscht schon seit frühester Kindheit den Geisterstimmen im Radio. Er war fünf, als er zufällig den falschen Knopf drückte und seinen ersten Zahlensender fand. Sie operieren meist auf Kurzwelle, zur vollen oder halben Stunde. Rund um den Globus spuken Hunderte dieser Sender durch den Äther. Schäfer spürt sie auf und versucht zu ergründen, wer dahinter steckt. Wie etwa 150 weitere Funkamateure weltweit ist er auf der Jagd nach Zahlensendern. Was die verschlüsselten Botschaften bedeuten, wissen sie nicht. Aber sie erkennen die Absender - an einer bestimmten Melodie, typischen Pieptönen oder der Art der Ansage.

Spione aller Nationen werden bis heute über Kurzwelle mit Aufträgen und Nachrichten versorgt. Die Technik ist einfach und effektiv: schon mit einem simplen Küchenradio kann man auf Empfang gehen. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat der geheime Funkverkehr merklich abgenommen. Nur in Krisenzeiten verstärken sich die Aktivitäten im Äther wieder. So kündigte sich die Operation "Desert Storm" im Golfkrieg 1991 durch vermehrte Zahlensendungen an, und zwei neue Zahlensender in arabischer Sprache tauchten auf...

Deutschlandfunk
16.9.2003 • 19:15

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Politisches Feature • "Achtung: Fünnef, zwo, null, null, Trennung..."

 

DeutschlandRadio/DEUTSCHLANDFUNK                Sendung:
Hintergrund/Feature                                                 Dienstag, 16. September 2003
Redaktion: Marcus Heumann                                            19.15 - 20.00 Uhr

"Achtung: Fünnef, zwo, null, null, Trennung..."
Geheimdienste auf Sendung
Von Claudia Heissenberg
Urheberrechtlicher Hinweis


Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden. Jede Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die über den in den §§ 45 bis 63 Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig.

DeutschlandRadio
- unkorrigiertes Exemplar -
Atmo 1:            Wellensalat
O-Ton 1:       
Ja, also ich wollte jetzt meinen 2002 selbst komponierten bzw. nicht ganz selbst komponierten Song "Zahlensenderjägerliebe ist gefährlich" präsentieren. Deswegen nicht ganz selbst komponiert, weil die Melodie bzw. das Motiv aus der neuen deutschen Welle stammt, es gab da mal einen Song "Geheimagentenliebe ist gefährlich", und danach ist es so ein bisschen gemacht, allerdings nur nach dem Refrain so ein bisschen, das andere ist aber selbst gemacht. Und ich denke, wir fangen einfach mal an.
Musik 1:            (er spielt Klavier)
Achtung, Achtung - Leute, ich erzähl Euch, was mir so passiert / Mensch, ich bin total verloren / dabei hab ich das mit den Zahlensendern nur ausprobiert / und jetzt krieg ich vom Geheimdienst auf die Ohren. Früher hat ich mit den Frauen einfach kein Glück / doch das änderte sich mit der Zeit / doch nun heißt es gleich, junger Mann, halten Sie sich zurück / der Geheimdienst steht schon bereit.
Refrain: Zahlensenderjägerliebe ist gefährlich, denn die darf keiner sehen / der BND und der CIA, die finden das irgendwie nicht wirklich okay / in einem Waldgebiet südlich von Frankfurt am Main / yeah, da sing ich meine Schicksalsmelodie, Schniedeldödeldum, Schniedeldödeldi, Schicksalsmelodie.
Atmo 2:            Gongstation
Sprecher:    
"Achtung: Fünnef, zwo, null, null, Trennung..."
Geheimdienste auf Sendung
Ein Feature von Claudia Heissenberg.
O-Ton 2:            (Jochen Schäfer)
Wat is ene Zahlensender? Da stelle mer uns doch mal janz dumm, en Zahlensender, dat is en Sender, wo Zahlen ausgestrahlt werden... Genaueres, also jetzt ganz Genaues, was es inhaltlich für nen Sinn hat, wissen wir alle nicht, wir können also nur Vermutungen anstellen. 
O-Ton 3:            (Gabriele Gast)
Sie wissen, dass die Kontakte auf nachrichtendienstlicher Ebene konspirativ laufen, und eine der wesentlichen Methoden, ist die Verschlüsselungstechnik, dass heißt dann die Übertragungen verschlüsselter Informationen über Kurzwelle, die man dann per Rundfunk empfangen kann
O-Ton 4:            (Günter Bohnsack)
Unser großer General Wolf sagte immer, Agenten sind nur soviel wert, wenn man sie denn geworben hat, dass man jederzeit über ihn an geheime Informationen herankommt, und das geht natürlich nur, wenn man ein Verbindungswesen hat, so nannte man das im Jargon, das also erlaubt, ihn ständig abzuschöpfen, anzurufen, zu aktivieren. .. 
Atmo 3:            Collage Zahlensender
Sprecherin: 
Agentenfunk - das ist die Welt der Trenchcoats und der Schlapphüte. Richard Sorge, Mata Hari, Günter Guillaume - Spione aller Nationen wurden und werden über Kurzwelle mit Aufträgen und Nachrichten versorgt. Die Technik ist einfach und effektiv. Schon mit einem simplen Küchenradio kann der Agent auf Empfang gehen. In punkto Sicherheit ist der geheime Funkverkehr bis heute ohne Konkurrenz.
O-Ton 6:       
Mein Name ist Jochen Schäfer, ich bin 31 Jahre alt, wohne hier in Marburg, bin in Schlüchtern im Vogesbergkreis vor 31 Jahren geboren worden, und zwar blind geboren worden, ohne Augen, und das ist auch der Grund, wieso ich nichts in dieser Richtung vermisse und habe seit 1977 die Kurzwelle entdeckt ... Und seit dieser Zeit habe ich mich mit den Zahlensendern irgendwie beschäftigt, weil sie mich faszinieren und weil sie so was ganz Besonderes haben, eben auch deswegen, weil’s so verschiedene davon gibt, in verschiedenen Sprachen und auch mit verschiedenen Signalen vorneweg
Sprecherin: 
Der Marburger arbeitet als Dokumentationsassistent in der Schülerbibliothek der Blinden-Studienanstalt. Nach Feierabend fahndet er in seinem Kurzwellenradio nach den geheimnisvollen Botschaften im Äther: Jochen, der Zahlensenderjäger. Der Kopf der deutschsprachigen Zahlensenderbewegung, wie er sich selber nennt. Er war fünf, als er zum ersten Mal die Geisterstimmen im Radio entdeckte.
Atmo 1:            Wellensalat
O-Ton 7:       
Meine Mutter hat an dem alten Stereogerät, was wir damals hatten ... Da war also irgendwie der Knopf verkehrt eingestellt, und da war also nicht UKW wie sonst zu hören, sondern Kurzwelle. Das hörte sich für mich damals erstmal so an, als würd’s da gluckern, das weiß ich noch ganz genau, später hab natürlich herausbekommen, dass das ein Rundfunksender war, der etwas unklar eingestellt war, und das hörte ich für mich damals glglglll, so gegluckert an, ... also auf jeden Fall war’s doch etwas unheimlich auch, dieser Klang und aber irgendwo auch reizvoll, dem Ganzen mal weiter auf den Grund zu gehen. Und dann hab ich irgendwann dann so weiter Kurzwelle gehört ... und bin dann auf einen Zahlensender gestoßen. So. .... Es war der damalige Stasi-Sender G08, wie wir ihn heute codieren würden, kennzeichnend durch eine aufsteigenden Dur-Akkord (macht er vor), so unsauber hat der damals geklungen. ... Zunächst mal hab ich nur diese Zahlen gehört: (er verstellt die Stimme) Drei, acht, fünnef, fünnef, neun, und das mich natürlich schon sehr begeistert, weil ich gedacht hab, was redet die denn da und was soll das?
Atmo 12:            Collage Zwei-Buchstabensender
Sprecherin: 
Jochen ist ganz Ohr und hängt Tag für Tag am Radio. Die Eltern sind von diesem neuen Hobby wenig begeistert. Das mache dumm, behaupten sie, überhaupt solle er sich mehr um die Schule kümmern. Wenn gar nichts mehr hilft, wird ein Stromausfall inszeniert. Sie drehen dem Sohn die Sicherung raus, um endlich Ruhe zu haben.
Atmo 4:            Lima Alpha, Jochen (als Kind):
So stellen die sich das vor ... Bloß nicht Stromausfall machen.
Sprecherin: Mit einem Philipsrecorder, den er 1977 zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, nimmt Jochen die mysteriösen Botschaften auf. Ohne zu wissen, worum es dabei geht und wer oder was dahinter steckt. Den blinden Jungen fasziniert der Klang, die Kombination von Tönen, Buchstaben und Zahlen, die immer wieder anders ist.
Atmo 5:            Zahlensendung, Jochen (jung):
Na wann geht das hier endlich zuende?
Sprecherin: 
Fast 500 Kassetten hat der Marburger bis heute mit den Signalen aus der Schattenwelt gefüllt. Sein wichtigstes Werkzeug ist ein Weltempfänger.
O-Ton 8:       
Besonders einfach ist es, wenn man zwischen die Rundfunksender geht. Also es gibt ja die berühmten Mediabänder auf der Kurzwelle, die bekanntesten sind das 49-Meter-Band, das 41-Meter-Band, 31, 25, 22, 19, 16, 13, 11, also es gibt noch mehr, und da auf diesen Meterbändern sind die Rundfunksender, u.a. übrigens auch der Deutschlandfunk seit einiger Zeit, so, und zwischen diesen Meterbändern, da verstecken die sich meist, und zwar am günstigsten ist es entweder zur vollen oder zur halben Stunde zu suchen, dann findet man meistens einen.
Sprecherin: 
Rund um den Globus spuken Dutzende von Zahlensendern durch den Äther. Tagein, tagaus sind die eisernen Jungfrauen auf Sendung - mechanische Frauenstimmen, die monotone Zahlenreihen verlesen. Sie sprechen Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Polnisch, Russisch, Chinesisch und viele andere Sprachen. Allerdings steht längst nicht jede Station, die Zahlen sendet, im Dienst der Spionage. Es heißt, dass auch Wetterdaten, Lottozahlen und geheime Infos für Drogenschmuggler in dieser codierten Form übertragen werden.
O-Ton 9:       
Ja, ich dreh gerade jetzt zwischen den Rundfunksendern und such da, ob’s da jetzt irgendeinen Zahlensender gibt, den ich jetzt aufnehmen könnte. ... Dieser Recorder hier, das geht nur ab 5900 Kilohertz von 5900 bis etwa 18.000 Kilohertz geht der, aber der hier geht durchgehend, von 1 bis sonstewo, wie das so genannt wird, deswegen gehe ich jetzt mal auf 5435, da hört man jetzt noch gar nichts, wundert mich jetzt aber nicht, 4270 auch nicht, Deuvel, dann geh ich mal auf 4165, auch nicht, 4560, piep piep ... Auch nicht, der berühmte Vorführeffekt, verdammt noch mal... Also am besten ist immer noch der 9130, Echo, Whiskey, tango (Frauenstimme mit Brummen), India, x-ray, Echo, november, Tango... Das war jetzt ein Mossad-Sender, also diese Buchstabensender ... vom israelischen Geheimdienst, ... und die sind ja seit, ich weiß nicht wie lange, schon unvermindert aktiv, diese Mossadsender, ich hab also da schon unheimlich viele Aufnahmen von und die sind also in der Zahlensender-Szene auch sehr begehrt, ... das ist zu finden in den neuesten Numbers and oddities, einem Newsletter, den der Ary aus Nederland im Internet auf seiner Homepage veröffentlicht. Sprecherin: 
Der Ary aus den Niederlanden heißt Boender mit Nachnamen, ist 49 Jahre alt, arbeitet bei einer Bank, wohnt in der Nähe von Rotterdam und ist ebenfalls ein begeisterter Jäger und Sammler von Nummernstationen.
O-Ton 10:    
Ik houd wel een beetje bij.... en dann bewaar ik dat.
Sprecher:    
Ich notiere schon, was ich gehört habe: Sicher, wenn es eine Station ist, die ich noch nicht kenne. Als das vor zwei Jahren in Afghanistan losging, da gab es zum Beispiel eine Aktivität, die sich deutlich auf den Krieg bezog. Die Russen hängen mit bestimmten Standardsendungen im Äther, in Deutsch, Englisch und Russisch, das ist ein festes Format, das sie benutzen, ganz leicht zu erkennen. Wenn man das hört, weiß man direkt, dass es die Russen sind. Am Anfang des Afghanistankrieges gab es auf einmal Sendungen in Tadschikisch und Farsi, das sind Sprachen, die da gesprochen werden. Eins und eins macht zwei, das hat also deutlich mit dem Krieg zu tun gehabt. Und so was notiere ich dann, versuche eine Aufnahme davon zu machen und archiviere sie.
Atmo 6:            Sendung in Farsi
Sprecherin: 
Zum ersten Mal spürte Ary den geheimen Funkverkehr in den 70er Jahren auf. Er arbeitete damals manchmal als DJ und war auf der Suche nach interessanten Geräuschen für Jingles. Beim Kurbeln am Radio stieß er auf einen Telexsender. Jahre später - Ary hatte sich gerade ein neues Radio mit Kurzwellenempfang gekauft - erinnerte er sich daran und die Jagd begann.
O-Ton 11:    
Je komt ze in eerste instantie......moet zitten.
Sprecher:    
In der Regel findet man Zahlensender beim ersten Mal zufällig, so war das jedenfalls bei den meisten, die ich kenne, dass sie auf der Suche waren nach der Deutschen Welle oder Voice of America oder was auch immer. Wenn man so von einem Sender zum nächsten dreht und findet dann eine Zahlensendung, bleibt man dabei und will wissen, was es ist. Man muss nur lange genug suchen, dann findet man immer jemanden, der Bescheid weiß, und so kam ich mit immer mehr Leuten in Kontakt, die sich auch damit beschäftigen. Und irgendwann fängt man an, gemeinsam herauszufinden, wo das Ganze eigentlich herkommt. Je mehr Menschen mitmachen, desto einfacher wird das. Mit Peilantennen können Radioamateure in verschiedenen europäischen Ländern bestimmen, wo ein Sender sitzt. Wenn man sich aus drei verschiedenen Richtungen eine Sendung anhört und die Antenne auf das stärkste Signal richtet, dann bekommt man irgendwo einen Kreuzpunkt. Dort muss sich der Sender befinden.
Atmo 7:            E05 - Cynthia
Sprecherin: 
Gelungen ist das zum Beispiel bei einem englischsprachigen Sender, der in einem Waldgebiet südlich von Frankfurt am Main geortet wurde. 20 Antennen umgeben mit Stacheldraht und Elektrozaun, aber ohne ein Hinweisschild auf den Besitzer. Die Sprecherin des Senders hat bei den Hobbylauschern den Spitznamen "Cynthia" - die synthetische Stimme der CIA.
O-Ton: Musik (Klavier)
Sprecherin:
Laut "Spiegel" bekennt sich zwar das Heidelberger Hauptquartier der US-Landstreitkräfte in Europa zu dem Sender, aber die codierten Ausstrahlungen von E-Null-Fünf sollen angeblich nur dem Antennentest dienen. Dass die CIA ihre Finger im Spiel habe, sei pure Spekulation. Solche bahnbrechenden Neuigkeiten veröffentlicht Boender auf seiner Website "news and oddities".
O-Ton 12:    
Ik ben zelf ben ik voorzitter van de... (er lacht)
Sprecher:    
Ich bin Vorsitzender der Worldwilde Utility News, das ist ein Radioclub für alle, die sich Sendungen außerhalb des normalen Radioprogramms anhören, Flugverkehr, Schifffahrt, Zahlensender. Es reizt mich immer noch, ich find’s lustig, mir das anzuhören und auch alle Geschichten, die es darüber gibt. Weil es gibt da die wildesten Theorien, das ist wirklich bizarr. Ich hab z.B. mal von einem Amerikaner einen ganz ernst gemeinten Bericht gelesen, der behauptete also, dass die Sendungen gemacht werden, um mit Außerirdischen in Kontakt zu treten, mit den Marsmännchen, ja, und so gibt’s allerlei Theorien. Sprecherin: 
Ary Boender und Hunderte anderer Zahlensenderfreunde auf der ganzen Welt hingegen sind ganz sicher: Sie lauschen Agentenfunk. Und sie verfolgen die Fährten im Äther hartnäckig. Protokollieren jede mitgehörte Sendung, notieren Sprache, Zeiten und Frequenzen, vergleichen Stimmen und den Ablauf der Durchsagen.
O-Ton 13:    
Es gibt ja nun Leute, die haben diese Zahlensender nach ganz bestimmten Kriterien aufgelistet und in eine Liste zusammengestellt. Und diese Liste wird herausgegeben von der Enigma, die hat sicherlich ihren Namen nach der Entschlüsselungsmaschine unter den Faschisten. Enigma heißt aber bei uns, das ist eine Abkürzung, und das bedeutet European Number Information gathering an monitoring Association, übersetzt: Europäische Gesellschaft zur Sammlung und Beobachtung von Zahleninformationen.
Sprecherin: 
Enigma - der Name ein Mythos. 1923 stellte ihr Erfinder Arthur Scherbius die Dechiffriermaschine zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor. Eine technische Revolution: Sie war so leicht zu bedienen wie eine Schreibmaschine, sah auch so aus und eignete sich gleichermaßen zum Chiffrieren wie Dechiffrieren von Texten. Dazu verfügte sie über eine unglaubliche Zahl von Kombinationsmöglichkeiten. Bereits das Basismodell mit drei austauschbaren Walzen bot dem Nutzer knapp 18.000 verschiedene Schlüssel. Bis 1939 wurde die Zahl auf 150 Billionen aufgestockt. Der Enigma-Code galt damit als absolut sicher, was sich jedoch als Irrtum herausstellte. Bereits 1940 gelang es den Engländern, einen Rechner zu konstruieren, der den täglich veränderten Code in kürzester Zeit entschlüsseln konnte. Die Enigma-Leute von heute begnügen sich damit, sämtliche Zahlensender nach bestimmten Kriterien zu ordnen.
O-Ton 14:    
Da haben wir Sender in verschiedenen Sprachen bzw. Sprachgruppen, und zwar das E steht für Englisch, das G für German, M ist keine Sprachgruppe sondern es sind Morssender, also gemorste Sender, S bedeutet Slawisch, also Russisch, Tschechisch, Slowakisch usw. sowie V bedeutet various languages, also verschiedene Sprachen, und die Tonsender werden mit dem Buchstaben X gekennzeichnet.... Ich geb jetzt mal ein Beispiel: E03 oder E3 ist ein bestimmter Englischer Zahlensender, und die 3 gibt an, dass es genau jener Sender ist, der vom englischen Geheimdienst, vom MI5, ausgestrahlt wurde, und dieses Signal Lincolnshire Poacher als Erkennungssignal hat.
Atmo 8:            Lincolnshire Poacher (Klavierversion)
Sprecherin: 
Einige Hundert Zahlensenderfreaks stehen weltweit in Kontakt. Im Internet, in Chatrooms oder per Mailing-Liste tauschen sie ihre neuesten Erkenntnisse aus in einem einen Jargon voller Kürzel und Zahlen. Auf diversen Websites, auch bei Ary Boender, findet man Listen aller Sender mit Frequenz und Sendedatum. Rund 1.200 Besuche auf seiner Seite zählt der Niederländer im Monat. Die Zahlensendergemeinde ist sehr aktive
O-Ton 15:    
We hebben wel met een aantal mensen... .we hebben het niet kunnen kraken.
Sprecher:    
Wir haben mit einer ganzen Reihe von Leuten ein paar Jahre lang alles gesammelt, was aus Russland kam, auch Telexsendungen, dabei hat es sich um diplomatischen Verkehr gehandelt, allerdings ist das bei den Russen oft so, dass da auch Spionage eine Rolle spielt, weil in allen Botschaften auch Jungs vom Geheimdienst sitzen, und ich weiß natürlich nicht, was nun diplomatisch und was militärisch und was Spionage ist, aber diese Sendungen haben wir eine Zeitlang verfolgt und auch versucht zu analysieren, wo sie herkommen und wie sie aufgebaut sind, aber weiter sind wir auch nicht gekommen, wir haben den Code nicht knacken können.
Sprecherin: 
Schon der römische Feldherr Cäsar pflegte seine vertrauliche Korrespondenz mit Cicero in einer Geheimschrift zu führen. Er ersetzte jeden Buchstaben durch einen im Alphabet um drei Stellen verschobenen; aus a wurde d, aus b wurde e, aus c f. Auch Regisseur Stanley Kubrik spielte in seinem Film "2001-Odysee im Weltraum" mit dem Cäsar-Prinzip. Verschiebt man den Namen des unheimlichen Computers HAL im Alphabet um eine Stelle, wird daraus IBM. Der Nachteil der Methode: Sie ist leicht zu knacken, denn die Häufigkeit der einzelnen Buchstaben ist immer ähnlich. Um eine Häufigkeitsanalyse zu umgehen, ist ein Schlüsseltext nötig, der länger ist als der Klartext mit Reihen von Zufallszahlen. Solche Verschlüsselungen sind absolut sicher.
O-Ton 16:    
Ik heb... grappig om het uit te zoeken.
Sprecher:     
Ja, was ist das Tolle? Keine Ahnung, es ist wie ein spannender Jungenschmöker, Spionage, Verrat und so. Das hat doch etwas Geheimnisvolles, Spannendes. Wenn man solche Sendungen hört, dann weiß man bzw. glaubt man zu wissen, worum es geht, dass es echte Agenten sind, und das ist schon lustig, die aufzustöbern.
O-Ton 17:    
Also ich kann’s nachvollziehen bei Leuten, die eben außerhalb des geheimdienstlichen Metiers stehen, wenn man drin steht, ich stand ja sowohl hauptberuflich nämlich auf Seiten des BND als auch nebenberuflich auf Seiten der HVA, wirklich voll im Metier, dann wird das hinterher zu einem Alltagsgeschäft, und dann ist also der prickelnde Reiz einfach weg. ... Wer das Metier nicht kennt, das kann ich schon verstehen, dass man da so etwas James Bond spielen möchte. Sprecherin: 
Gabriele Gast, 1943 geboren in Remscheid, Politikstudentin in Aachen beim Ostexperten Professor Mehnert, langjährige Mitarbeiterin des Bundesnachrichtendienstes. Von 1968 bis 1990 ist sie als Spionin für die Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit der DDR tätig. Sie wird verraten und 1991 zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. 1995 wird sie vorzeitig entlassen.
Musik:            Zahlensenderliebe
.. und dann vor dem Berliner Reichstag, yeah, da sing ich meine Schicksalsmelodie: Schniedeldödeldum, Schniedeldödeldi, Schicksalsmelodie...
O-Ton 18:    
Ja also mein Name ist Günter Bohnsack, ich war 26 Jahre lang Offizier im Ministerium für Staatsicherheit, speziell in der Hauptverwaltung Aufklärung unter Leitung von Markus Wolf. Wohne in Berlin inzwischen, nach der Wende natürlich nicht mehr in der Firma, arbeite als Journalist überwiegend und war auch schon früher von Beruf Journalist, bevor ich zu dieser Firma kam.
Sprecherin: 
Günter Bohnsack, als ehemaliger Leiter der Abteilung 10 in der HVA zuständig für Desinformation und Agentenpflege in der westdeutschen Medien, ist heute 63 Jahre alt und einer der wenigen Dunkelmänner, der überhaupt bereit ist zu reden. Das Interview findet auf einer Parkbank am Obernsee in Berlin-Hohenschönhausen statt, dem berüchtigten grünen Versteck der Stasi-Elite. In der locker bebauten Villen-Kolonie lebte man Tür an Tür. Markus Wolf residierte in der Oberseestraße Nummer 40 im ersten Stock, sein Nachfolger Grossmann wohnte unter ihm im Erdgeschoss. Ein paar Schritte weiter, Manetstraße 6, stand Schalk-Golodkowskis Haus. Genau die richtige Umgebung für ein konspiratives Gespräch. 
O-Ton 19:    
Wir haben ja in allen Parteien Agenten gehabt, da haben wir auch Skandale erfunden oder Skandale befördert, also ja Gerüchte verbreitet, Parlamentsanfragen organisiert im Bundestag, also wir haben schon richtig massiv hinein regiert in innere Belange. Wir haben Lügen verbreitet in Büchern, Millionenauflagen, also Lügen einfach verbreitet, erfunden und verbreitet, die wirklich geschadet haben. Es war nackter Kampf, Systemkampf der DDR gegen die Bundesrepublik.
Sprecherin: 
Misstrauen, Feindschaft und Krieg sind der ideale Nährboden für geheime Operationen. Je größer die Krise, desto aktiver die Geheimdienste. Das war schon immer so. Die Lehre zur Kriegskunst des Chinesen Sun-Tzu, die irgendwann zwischen dem 8. und 4. Jahrhundert vor Christus erschien, hält das Wissen über die Lage des Feindes für absolut unerlässlich, will der Feldherr militärischen Erfolg haben. Und in "Zedlers Universal-Lexikon" von 1744 heißt es: Ein kluger General wendet sich gerne an gute Spione, weil er dadurch dem Feinde viele Vorteile ablaufen kann.
O-Ton 22:            (Bohnsack)
Bei bestimmten Quellen, die sich überhaupt nicht weg bewegen konnten, die auch keinerlei Instrukteure empfangen durften oder Kuriere, die besonders gesichert werden mussten, das war so genannte QS, also besonderer Quellenschutz war da angesagt, da war natürlich der Funk die einzige Methode, die sie auch annahmen, die haben sich auch sonst auf nichts eingelassen, und da war’s natürlich schon wichtig, weil diese Quelle sprudelte ja nur dann, wenn der Sender funktionierte und die Zahlenkombination von der Quelle verstanden wurde und auch benutzt wurde dann für die Rückkopplung zu Zentrale. ... Wir haben die dann an die von der Abteilung 8 bei uns in der HVA an diese Mitarbeiter übergeben, dann haben die da 6 Wochen so ungefähr haben die dann trainiert mit denen in irgend einem stillen Objekt in Berlin Hohenschönhausen zum Beispiel, da waren sehr schöne stille Villen vorhanden dafür, und da wurden die richtig da gedrillt, wie man das so macht, und wurden dann entlassen wiederum in die Freiheit zurück mit der Maßgabe, nun bitteschön dieses erworbene Wissen auch anzuwenden, was sie dann auch taten.
O-Ton 23:            (Gast)
Man wird schon geschult, weil man zumindest erst mal wissen muss, wie das ganze System funktioniert, man lernt dabei die Verschlüsselungs- und natürlich Dechiffrierungsmethode, man muss sich daran gewöhnen einfach, ja man muss erst mal wissen, wo überhaupt auf welcher Frequenz der Sender kommt, der ist sehr genau einzustellen, dass man nicht also dann in einen anderen nachrichtendienstlichen Sender reingerät, denn die liegen zum Teil sehr dicht beieinander, die Frequenzen, ja, und man muss ein bisschen einüben, sich in diesen übertragenen, das sind ja Zahlenkolonnen, die eben übertragen werden, das man sich da reinhört, man muss sie mitschreiben, also ein bisschen Routine gehört dazu.... Da werden Probesendungen gemacht, so dass man also auch die Scheu davor verliert, und dann muss ich sagen, aber das hängt mit mir persönlich zusammen, ich kann mit Zahlen gut umgehen
Atmo 9:            Achtung 4-1-3-7-1 Achtung. (Jochen)
So, und das bedeutet, jetzt kommt für die Person 4-1-3-7-1 eine Nachricht und diese Nachricht ist: (Band) 9-1-9-1-0 (2x) (Jochen) Keine Ahnung, was dahinter steckt. (Band) 9-7-8-6-5....
O-Ton 24:            (Gast)
Also üblicherweise wurden Termine bestätigt, die man zum Teil schon ausgemacht hatte, aber um die ganze Sache noch mal festzuziehen, Termine für Treffen oder dass ein Kurier kommen sollte, also, es wurden Informationswünsche übermittelt, sofern man sie sich nicht schon an den fünf Fingern abzählen konnte, ist ja klar, wenn politische Ereignisse anstanden, haben die immer interessiert, es wurden persönliche Grüße übermittelt, z.B. bekam ich regelmäßig zum internationalen Frauentag am 8. März Glückwünsche übermittelt, zum Geburtstag, zu Weihnachten, also das deckte schon ne ziemliche Bandbreite ab....
Atmo 2:            Gongstation
O-Ton 26:            (Gast)
Derjenige, der’s verschlüsselt, addiert zu den normalen Zahlen, die im Prinzip Buchstaben darstellen, also einen Text darstellen, Verschlüsselungszahlen, und diese addierten Zahlen, die werden dann übertragen, also die kann man dann auch nicht, diesen Code kann man dann auch nicht knacken. Ich muss also dann, wenn ich diese Zahlen eben aufgenommen habe, muss ich wiederum diese Verschlüsselzahlen da drunter schreiben und subtrahieren, um auf den eigentlichen Text zu kommen. .... Zum Beispiel, wenn da also dann kam 72/76, 72 war C, 76 H, war davor noch ne 5 für S, dann wusste man also SCH, das kann man dann also im Text schon beim Entschlüsseln sehr schnell feststellen, also man liest quasi beim Rechnen schon den Text mit.
O-Ton 27:            (Bohnsack)
Also nachts nur mal als Beispiel aus aller Welt, aus den Vertretungen im Westen kamen, nachts beim Diensthabenden immer irgendwelche Blitztelegramme an mit nicht erkennbarem Inhalt, also bis früh um 6 oder 7 musste dieses Zeug also alles übersetzt worden sein, und dat konnten wie gesagt wir alle nicht, weil das also wirklich ne Spezialgeschichte da.
O-Ton 30:    
Also ich hatte eine Schlüsselrolle, das waren jeweils 10 Zahlengruppen à 10 Zeilen wiederum, also da kam man schon ne ganze Weile mit hin und dazu den eigentlichen Code, das war natürlich sozusagen die heiße Ware, die ich verstecken musste, die ich auch nicht vernichten konnte, denn sonst hätte ich ja keine Sendung mehr entschlüsseln können und auch nicht selbst verschlüsseln können, das hatte ich also immer verfügbar zu Hause..
Sprecherin: 
Als das FBI im Juni 1957 den sowjetischen Agenten Rudolf Abel festnahm, fanden die Beamten in seinem Gepäck einen briefmarkengroßen Notizblock mit Zufallszahlen. Ein schlagkräftiger Beweis. Auch in dem Prozess gegen einen Londoner Kunsthändler, der einen falschen niederländischen Pass aus den Namen Erwin van Haarlem besaß, spielten Zahlensender eine maßgebliche Rolle. Eine britische Spezialeinheit hatte 1988 sein Apartment gestürmt, während er gerade die Nachricht eines Morsesenders aus Prag mitschrieb. Mit seinem Küchenradio hatte der Kunsthändler in 13 Jahren 200 Botschaften vom tschechoslowakischen Geheimdienst empfangen. Entschlüsselt wurden sie mit der Hilfe von sechs Dekordierzettelchen. Drei davon waren in einem Stück Seife versteckt.
O-Ton 31:            (Bohnsack)
Ja, also ich erinnere mich wieder an meinen alten Freund Guillaume, es wurden ja auch Faxen gemacht, also Leichtsinn wird auch in den Diensten natürlich mitunter getrieben, und man hat dem guten Guillaume, also an seinem Geburtstag auch noch original, da mit einem Funkspruch gratuliert, und aus dem Kontext des gesamten Funkspruchs war klar, wann da jemand Geburtstag hatte. Und da er sowieso als Sowjetflüchtling, wie er damals sich ja entsprechend der Legende betrachtet hat oder betrachtet wurde, hatte man natürlich von allen Flüchtlingen, die damals abhauten aus der DDR, zumindest diese Grunddaten. Und ist dann auf den ja ohnehin in Verdacht befindlichen Guillaume noch mal gestoßen, und Markus Wolf schreibt auch in seinem dicken Buch, in diesem Spionagechef im geheimen Krieg, beschreibt er diesen Fehler, der leider nun zur Enttarnung beigetragen hat letztlich.
Sprecherin: 
Am 24. April 1974 werden der Kanzler-Spion und Brandt-Vertraute Günter Guillaume und seine Ehefrau Christel verhaftet. Der angebliche DDR-Flüchtling - so die Legende - hatte sich seit 1956 ohne fachliche Kompetenz, aber zielstrebig ins Zentrum der Macht hochgearbeitet. Im Oktober 1972 rückte Guillaume als dritter Referent in den persönlichen Stab von Bundeskanzler Brandt auf. Er begleitete ihn auf Wahlkampf- und Informationsreisen, hatte Zugang zu geheimen Akten und war bei abendlichen vertraulichen Gesprächsrunden dabei. Die Enttarnung des Agenten war reiner Zufall. Einem Verfassungsschützer war der Name Guillaume im Zusammenhang mit drei Landesverratsprozessen aufgefallen. Ein alter Funkspruch aus den 50er Jahren war dann der schlagende Beweis. Darin gratuliert die Ostberliner Zentrale einem G und einer Chr. zum Geburtstag und beiden zur Geburt "des zweiten Mannes", gemeint ist Sohn Pierre. Ein Vergleich der Daten gab dem Verfassungsschützer die letzte Gewissheit
O-Ton 34:            (Gast)
Man tat gut daran, diese Notizen nicht aufzubewahren, denn man musste ja immer vom schlimmsten Fall ausgehen, dass man irgendwie in die Optik gerät, dass eine Wohnungsdurchsuchung stattfindet, und dann wäre das natürlich ein schlagendes Beweismittel gewesen.... Ich bin deshalb hergegangen, hab nach einer Sendung, wenn ich die Information eben entschlüsselt hatte, das Papier, auf dem ich geschrieben habe, verbrannt. Verbrannt und vernichtet, also dann in der Toilette weggespült, da blieben wirkliche keine ...Reste übrig.... Das wird hinterher Routine, wie beim Autofahren, Sie denken ja auch nicht da drüber nach, wenn Sie von einem Gang in den anderen schalten. Sie machen’s einfach
Atmo 9:            Postschaffner
O-Ton 35:            (Bohnsack)
Es war übrigens auch ein Jokus hier in der DDR, dass der militärische Nachrichtendienst, der hat ja diese Übermittlung von geheimen Sprüchen usw. also direkt als Gag gemacht, es gab hier einen Sender, die dann Schlagersendungen machten für den Westen und unterstellten dabei, der Sender sei auch im Westen, der war aber natürlich in der DDR, und der brillierte dann mit solchen mehr oder weniger putzigen Sprüchen, die Ziege kann gemolken werden, die Rose blüht nicht mehr und allerlei Unsinn, das also, wie gesagt nur dem Jokusverständnis der Armeeaufklärung entsprach, das wurde einfach als Konterpropaganda dann abgerechnet bei der Partei-, SED-Führung hier, das war einfach Spaß an der Freud, also auch so was gab ... Das ist auch schon so’ne Schiene, auf der alle Geheimdienste gerne fahren. Andere zu verwirren und zu verdummen und Gerüchte zu verbreiten, die überhaupt keine Substanz haben eigentlich
Sprecherin: 
Bei seiner letzten Sendung am 31. Mai 1990, einem Donnerstag, zeigte der militärische Nachrichtendienst der DDR noch einmal seinen Sinn für Humor.
Atmo 10:            Alle meine Entchen
O-Ton 36:            (Jochen sächselt)
Da waren wir schon leicht angetrunken, ich mein, wir wussten ja, dass es vorbei ist, und da haben wir uns erst mal einen gesoffen, und dann haben wir "Alle meine Entchen" gesungen - Stasi war das also.
O-Ton 37:    
Dat was de militaire tak ....
Sprecher:    
Das war der militärische Sender der DDR, die Stasi selbst, die hat die kurze Botschaft "Wittenberg, Wittenberg" gesendet, und das war’s. Damit wurden alle Mann zurückgerufen. Und die Herren vom Militärsender haben sich ordentlich einen eingegossen und ein Liedchen gesungen, und das war der Abgang der Nationalen Volksarmee.
Sprecherin: 
Nach dem Ende des Kalten Krieges, dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und Auflösung der Stasi hat die Aktivität im Äther merklich abgenommen.
Atmo 11:            Zahlensender international
O-Ton 38:    
Het zijn er...die daar echt aktiv met bezig waren.
Sprecher:    
Es sind bestimmte Brennpunkte, wo sie herkommen, im Kalten Krieg war das natürlich der Westen, also Deutschland, Frankreich, Amerika und England, dann gab’s den gesamten Ostblock, jedes Land hatte da Sendungen, und den ganzen Balkan, Jugoslawien, Albanien, und auf der anderen Seite des Ozeans gab’s Kuba, und das war’s dann auch schon. Israel war natürlich auch immer schon dabei, und später ist noch China dazu gekommen, China und die beiden Koreas, da kommt auch noch einiges her, obwohl das auch weniger wird. Griechenland hat noch eine Zeitlang einen Sender gehabt und Ägypten, und damit hört’s auf. Weltweit betrachtet sind das eigentlich nur wenige Länder, die das aktiv betrieben haben.
Musik 3:            Zahlensenderliebe, Zwischenstrophe: 5-9-7-7-9 (2X)
Ob ein deutscher Zahlensender mit ner Spieluhr vorneweg (Spieluhr) oder ein anderer deutscher Sender mit nem H vornedran, das ist doch ganz egal und das hat auch keinen Zweck, ich höre sie mir doch alle an.
Sprecherin: 
Gesammelt hat Jochen Schäfer in seiner Kindheit und Jugend vor allem die Zwei-Buchstaben-Sender des BND. Die Behörde in Pullach hüllt sich über das eigene Treiben auf der Kurzwelle in Schweigen, obwohl das Kapitel Zahlensender dort längst der Vergangenheit angehört. Die letzte Ausstrahlung fand 1999 statt. Ein Interview gibt’s trotzdem nicht, nur ein Hintergrundgespräch, bei dem dann Informationen herausgerückt werden, die ohnehin allgemein bekannt sind.
Atmo 12:            Collage Zwei-Buchstaben-Sender
O-Ton 39:    
Also Zwei-Buchstaben-Sender sind eben Sender, wo ... die Bedeutung im Nato-Alphabet dieser Buchstaben, als L und M, dann ausgesprochen werden, Lima Mike oder eben PN, Papa November oder wie auch immer.... LM ist also wohl ein Kürzel für die Person, der diese Buchstaben zugeordnet sind, denn nach diesen Buchstaben und Tonsequenzen ging es weiter mit Zahlengruppen, und die wurden eingeleitet mit den Worten: (er verstellt die Stimme) Es liegen Mitteilung vor für 9-9-8, 9-9-8 und dann die Anzahl der Gruppen, z.B. 5-3 Gruppen, und das bedeutete, dass dann tatsächlich eine Botschaft gesagt wurde, die 53 Zahlengruppen umfasste, und diese Zahlengruppen waren Fünfergruppen, dass man eben erkennen konnte, aha, das ist die Botschaft.
Sprecherin: 
Über 80 dieser Zwei-Buchstabensender soll es einst gegeben haben auf rund 40 verschiedenen Frequenzen. Gesendet wurde jeden Tag, auch Weihnachten, um Mitternacht, 6 Uhr, 12 und 18 Uhr, die Wiederholung gab’s jeweils eine halbe Stunde später.
Musik 4:            nochmal kurz freistehen lassen
Sprecherin: 
Jochen Schäfer sammelt abgesehen von den Zwei-Buchstaben-Sendern Ausstrahlungen von tschechischen Geheimdienst, dem israelischen Mossad und so genannte polytone Sendungen.
O-Ton 40:    
Für unsere Hörerinnen und Hörer, die jetzt erst zugeschaltet haben: Jetzt bin ich also gerade dabei, einen XP zu suchen, einen Sender, der seine Botschaften nicht in Zahlengruppen von sich gibt, sondern in Tongruppen, wobei jeder Ton für eine Zahl steht. Wollen mal gucken, ob wir den jetzt finden können. (er dreht am Weltempfänger) ...ja, den ham wa. Tüdüdü...sogar mit Botschaft, toll. - Ich: Was ist das jetzt? - Das ist ein Sender, den wir russischen Diplomaten zuschreiben, und diese bringen also jetzt ihre Botschaften nicht in Zahlengruppen, sondern in Tongruppen, wobei der tiefste Ton so eine Art Pause ist.
Atmo 13:            Polytonsender
Sprecherin: 
Tongruppensender haben keine festen Sendezeiten, sie kommen und gehen, wann und wohin sie wollen. Generell können die Signale aus der Schattenwelt immer und überall wie aus dem Nichts auftauchen und genauso auch wieder verschwinden.
O-Ton 42:    
So, der Weltempfänger wird angeschmissen. Ich guck jetzt gerade zwischen 4000 und 5000 Kilohertz, wo dieser G04 ist, denn normalerweise erwarten wir ihn um diese Zeit, wir haben jetzt den ersten Donnerstag im Monat, und der sendet immer den ersten Donnerstag im Monat.
Sprecherin: 
Und zwar normalerweise um Punkt 22 Uhr. Doch diesen Donnerstag bleibt G04 stumm. Jochen erkundigt sich telefonisch bei einem Hobbyfreund
Atmo 43:            (Ausschnitt Telefongespräch)
Ich hab’s eben probiert zwischen 4000 und 5000, da war also, ich hab erst gedacht, das wären irgendwelche atmosphärischen Störungen, hier ist ab und zu mal was los, denn hier ist Betonbau, aber wenn du ja jetzt dasselbe Ergebnis bringst, dann gut ...- hätte kommen müssen bei 5220 - gut, prima, dass wir das schon mal wissen - und jetzt auf 5320, genau 5320, das machen wir gleich noch mal - ja nee, das hab ich auch, 100 Kilohertz höher ist mir auch bekannt. - Ja ja, das ist auch noch nicht immer. Der war früher war der 100 Kilohertz tiefer. - .... dann bringt er zwei Gleichheitszeichen, dann bringt er zwei mal eine zweistellige Zahl, dann noch zweimal die Gruppenzahl - Gleichheitszeichen, was ist denn das noch mal? - dadididida - Ach so, ja. Huch, ist das nicht ein Gedankenstrich? - Ne das ist dadiddedadit - Das ist ein Schrägstrich! - ...Gedankenstrich, ist das nicht dadiddedida? - Ach so - Ja.
Sprecherin: 
G04 ist bis heute nicht wieder aufgetaucht und vielleicht für immer verstummt. Doch auch wenn es auf der Kurzwelle merklich stiller wird - selbst im Zeitalter von Internet und Satelliten senden Geheimdienste noch immer verschlüsselte Nachrichten an unsichtbare Agenten durch den Äther
Musik 4:            Zahlensenderliebe, letzte Strophe:
Aber Leute, was mir so passiert, letztens war ich daheim, meine neue Freundin war natürlich dabei/ wir hörten gerade in alte Aufnahmen rein, und schon kam die große Sauerei/ es klingelte plötzlich an unserer Tür und ein Geheimdienstmann aus dem Ausland kam in Nu/ und sagte: Hören Sie auf für unser Land zu spionieren und lass endlich meine Frau in Ruh/ Refrain: vor dem kaputten World Trade Center in New York, weil da sing ich ... Ende, End
Atmo 15:            Lima Uniform, Jochen als Kind:
Wenn der zuende ist, mach ich nichts weiter mit Zahlensendern, ... wenn der zuende ist, komme ich
Abmoderation
Achtung: Fünnef, zwo, null, null, Trennung
Geheimdienste auf Sendung.
Ein Feature von Claudia Heissenberg.
Sie hörten eine Produktion des Deutschlandfunks.
Es sprachen: Claudia Mischke und Ulrich Beseler
Ton und Technik: Ingeborg Kiepert und Inge Hoppenrath
Regie: Anna Panknin
Redaktion: Marcus Heumann
Atmo 15:      
Wenn der zuende ist, dann komme ich.